JenaKultur: Anderthalb Meter bis zum Abgrund

Veröffentlicht am 12.05.2020
article image Quelle: Christoph Worsch
PK am 7.5.2020 im Volkshaus

JenaKultur sagt die Kulturarena 2020 ab und veröffentlich gemeinsam mit 30 Thüringer Akteuren aus Kultur, Sport und Tagungswirtschaft ein Positionspapier zu den dramatischen Aussichten für die gesamte Veranstaltungsbranche.

Die Kulturarena wird 2020 erstmalig in ihrer 29-jährigen Geschichte nicht stattfinden können. Grund ist das bundesweite pandemiebedingte Verbot für Großveranstaltungen sowie die zahlreichen Einschränkungen infolge von Hygiene- und Abstandsregelungen, Reisebeschränkungen für ausländische Künstler und Quarantänebestimmungen, welche die Produktion von großen Veranstaltungen und Festivals unmöglich machen. Betroffen sind neben der Konzertarena auch die Arena-Ouvertüre sowie Theater- und Film-Arena.

Kristjan Schmitt, Projektleiter der Kulturarena, erklärt: „Die Entscheidung schmerzt uns sehr. Das erste Mal seit fast dreißig Jahren wird der Sommer in Jena ohne die Kulturarena stattfinden, der Puls der Stadt deutlich langsamer schlagen. Für unsere Gäste, die Künstler, unser Team und unsere vielen an der Produktion des Festivals beteiligten Partner ist dieser Entscheidung ein harter Schlag. Die Absage unseres Festivals bedeutet nicht nur den Verzicht auf großartige Konzerterlebnisse und schöne Sommerabende in Jena. Die Absage eines jeden Festivals bedeutet vor allem auch, dass Unternehmen und Menschen keine Einnahmen und kein Einkommen erzielen.“

Carsten Müller, Mitglied der Werkleitung von JenaKultur und Vorstand des Europäischen Verbandes der Veranstaltungscentren (EVVC), ergänzt: „Um ein solches Festival wie die Kulturarena erfolgreich produzieren zu können, müssen außer den Künstlern viele Gewerke daran mitarbeiten. Veranstaltungstechniker, Equipment- und Personalfirmen, Sicherheitsunternehmen, Grafiker, Konzertagenturen, Klubbetreiber, Veranstaltungsgastronomen und viele mehr. Alle hatten Anfang des Jahres volle Auftragsbücher und kämpfen heute mit der drohenden Insolvenz und großen Finanzierungslücken. Unverschuldet. Egal ob Kultur, Tagung oder Sport. Das wirtschaftliche Fundament der gesamten Veranstaltungsbranche wird immer derzeit immer schwächer. Nach der Absage der Frühjahrsveranstaltungen, setzt sich diese Stornierungswelle in der Festival-Saison fort. Momentan schauen alle angesichts der notwendigen Abstandregelungen mit großer Skepsis in die Spätsommer-/Herbstsaison. Wir befinden uns 1,50 Meter vor dem wirtschaftlichen Abgrund.“

Um ein deutliches Signal in Richtung Öffentlichkeit und Politik zu setzen, hat Carsten Müller gemeinsam mit 30 weiteren Akteuren aus Kultur, Sport und Tagungswirtschaft ein Positionspapier erarbeitet, das auch Ulrike Köppel, Geschäftsführerin der weimar GmbH und Betreiberin des congress centrum weimarhalle, federführend mitformuliert hat: „Unabhängig von den großen Kultureinrichtungen und -veranstaltern ist auch die Tagungswirtschaft mit den Tagungs- und Kongresszentren sowie Dienstleistern wie Technikfirmen, Caterern, Agenturen, Tagungshotels und vielen Selbstständigen betroffen. Bislang gibt es hier nach der Soforthilfe zur Überbrückung der ersten Wochen noch keine konkreten Pläne zur langfristigen Sicherung dieses Teils der Dienstleistungsbranche. Wir haben allein in der Impulsregion Erfurt-Weimar-Jena pro Jahr 20.000 Tagungen mit 2,4 Millionen Teilnehmern in mehr als 100 Veranstaltungsstätten. Das ist ein Wirtschaftsfaktor, von dem viele Unternehmen und Arbeitnehmer abhängig sind. Bislang wurden sie in den Überlegungen zu den Sonderfonds nicht berücksichtigt“, unterstreicht Ulrike Köppel, stellvertretend für die Branche. Anders als bei Theatern oder anderen namhaften Kultureinrichtungen gibt es hier keine Hilfen für Einnahmeausfälle, die wahrscheinlich im zweiten Halbjahr weiter wachsen würden, fürchtet sie. „Wir können das nicht wieder aufholen“, betont sie weiter. Trotzdem die Mitarbeiter, so sie denn angestellt seien, in Kurzarbeit sind, würden die laufenden Kosten weiter fällig. „Es bleibt bei allen Bemühungen ein großes Minus übrig.“

Thomas Fleddermann, Management Science City Jena/Baskets Jena GmbH, erläutert die Probleme aus Sicht eines der wichtigsten Thüringer Sportveranstalters „Der pandemiebedingte Saisonabbruch Mitte März hat für Science City Jena erhebliche wirtschaftliche und sportliche Konsequenzen. Während wir unter finanziellen Gesichtspunkten mit Einbußen im sechsstelligen Bereich kalkulieren müssen, wurde uns aufgrund der ausgefallenen Playoffs eine durchaus mögliche Rückkehr in die Erstklassigkeit verwehrt. Zudem kommen auf uns als Veranstalter mit hohem Besucheraufkommen enorme Herausforderungen zu. Basketball ist eine durch Dynamik und Physis geprägte Kontaktsportart, die abseits des Parketts von der Begeisterung und Leidenschaft auf den Fan-Tribünen lebt. Im Gegensatz zu den Möglichkeiten der 1. und 2. Fußball-Bundesliga stellen sich für uns zahlreiche Fragezeichen der Finanzierbarkeit, um Heimspiele unter den notwendigen Hygienerichtlinien durchführen zu können. Aufgrund der Abstandsregelungen ergeben sich beispielsweise deutliche Einschränkungen bei den Zuschauerkapazitäten und damit eine starke Reduzierung im Bereich einer unserer wichtigsten Finanzierungssäulen. Im selben Atemzug werden die Vorbereitungen zur Durchführung unserer Spiele unter Beachtung der Corona-bedingten Auflagen erhebliche Mehraufwendungen verursachen. Die Akquise der dafür erforderlichen Mittel stellt den Club vor neue, zusätzliche Herausforderungen hinsichtlich unserer Planungssicherheit, die sich nicht nur massiv auf den Profibereich auswirkt, sondern ebenso unseren Nachwuchs- und Breitensportbereich betrifft.“

Einen Ausblick in Richtung 2021 können alle Akteure aktuell nicht wagen. Zu groß sind derzeit die Unsicherheiten hinsichtlich der finanziellen Planungssicherheit. „Unser Ziel ist, jetzt mit den Partnern unserer Branche und den politischen Entscheidern eine Lösung für unsere Branche zu entwickeln, die vielen Akteuren das wirtschaftliche Überleben ermöglicht. Dazu befinden wir uns bereits in sehr konstruktiven Gesprächen mit der Landesregierung.“ betont Carsten Müller abschließend und fügt hinzu: „Nach dieser Krise wollen wir mit unserer Erfahrung und Energie das wiederbeleben, was uns als Veranstalter mit unseren Gästen, Besuchern, Fans verbindet – großartige, inspirierende Erlebnisse. Von Menschen für Menschen. Erlebnisse, die nicht von Abstand, sondern wieder von großer menschlicher Nähe und einem unbändigen Gemeinschaftsgefühl geprägt sind. Erlebnisse die in positiver Erinnerung bleiben.“

www.weimarhalle.de


Kontakt für Rückfragen zum Positionspapier der Thüringer Veranstaltungsbranche:
Carsten Müller 0162/2663378 oder carsten.mueller@jena.de

Kontakt für Rückfragen zu Organisation und Ticketing Kulturena:
Kristjan Schmitt 0179/705 2972 oder kristjan.schmitt@jena.de

Die Rückgabe von bereits gekauften Tickets für die Kulturarena wird ab Ende Mai in der Jena-Tourist-Information möglich sein. Über das genaue Datum wird zeitnah informiert.

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